Im Rahmen meines Universitätsmoduls Active Aging, über das ich euch letztes Mal berichtete, habe ich Mag. Christina Ristl kennengelernt. Sie ist Psychologin und Altersforscherin an der Universität Wien und ihr Vortrag über „Altersbilder – Wie allein unsere Vorstellung vom Alter zu Realität wird“ - hat mich enorm begeistert. Nicht zuletzt deshalb, weil sie wissenschaftlich weiter untermauert hat, was ich in meinem Blogbeitrag „Dein inneres Drehbuch“ schon aus einer anderen Perspektive beschrieben habe.
Umso mehr habe ich mich gefreut, dass ich Christina nun für einen Zeitpolster-Podcast gewinnen konnte. In unserem Gespräch schauen wir genauer hin: Woher kommen unsere Altersbilder? Welche Macht haben unsere Erwartungen? Was haben Altersbilder mit unserer Gesundheit zu tun? Wie wirken Vorbilder? Und vor allem: Können wir unser persönliches Bild vom Älterwerden überhaupt verändern?
Christina bringt dazu ihre neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse über zwei internationale Studien unter ihrer Leitung mit, die vor kurzem erschienen sind. Sie zeigen: Was wir vom eigenen Älterwerden erwarten, bleibt nicht nur eine Vorstellung. Unsere Erwartungen beeinflussen, wie eine self-fulfilling prophecy, eine selbsterfüllende Prophezeiung, wie wir unser Leben und unsere sozialen Beziehungen später tatsächlich erleben.
Ich lade dich herzlich ein, dir knapp 40 Minuten Zeit dafür zu nehmen. Denn beim Älterwerden sprechen wir sehr viel über Ernährung und Bewegung – beides ur-wichtig! –, aber viel zu wenig über unser Mindset. Dabei hat genau das einen enormen Einfluss darauf, wie sich unser Leben entwickelt.
Take away:
Wie wir über unser Alter denken, beeinflusst, wie wir es erleben.
Denn es beeinflusst, wie wir uns verhalten, wie wir unsere Beziehungen wahrnehmen und auch, wie gesund wir bleiben.Es gibt nicht nur das eine Altersbild – Alter ist Vielfalt!
Alter ist der vielfältigste Lebensabschnitt überhaupt. Du darfst selbst entscheiden, welches Bild vom Älterwerden du für dich haben möchtest.Und jetzt: Wie willst du mit 80, 90 oder 90 Plus sein?
Luriko Yamaguchi auf pexels
WIE UNSERE VORSTELLUNGEN VOM ÄLTERWERDEN UNSER LEBEN BEEINFLUSSEN
Ja, wie stellst du dir dein eigenes Alter vor – mit 80, 90 oder 100 Jahren? Gesund und aktiv, umgeben von Menschen? Oder ist es eher mit einem Gefühl von Rückzug, Einschränkungen und Einsamkeit verbunden? In meinen Workshops schaue ich bei dieser Frage oft in erstaunte Gesichter: „Darüber habe ich noch nie nachgedacht.“ Dabei haben wir längst sehr klare Bilder vom Alter im Kopf. Ich nenne sie gerne unser inneres Drehbuch.
Und dieses Drehbuch schreiben wir nicht alleine. Unsere Altersbilder entstehen schon früh: durch die Familie, durch Geschichten, Filme und Medien und durch das, was wir bei älteren Menschen ein Leben lang beobachten. Wir lernen, was „alt“ angeblich bedeutet – gebrechlich, einsam, hilfsbedürftig oder erfahren, gelassen und weise und wir haben ein untrügliches und sehr persönliches Gefühl dafür, wie die Waage aus Gewinnen und Verlusten aussieht. Und irgendwann übertragen wir diese Bilder auf uns selbst.
Wir haben aber nicht nur ein Altersbild im Kopf! Je nach Situation und Kontext können ganz unterschiedliche Vorstellungen aktiviert werden. Eine ältere Großmutter sehen wir vielleicht als liebevoll und erfahren, beim Thema Gesundheit fällt uns dagegen womöglich als Erstes Gebrechlichkeit ein.
Und dann gibt es inzwischen die neuen coolen Alten: Marathon laufen, Weltreisen, surfen, arbeiten bis 80+,…. Ich mag diese Bilder durchaus, denn sie zeigen, was im Alter möglich sein kann. Aber ich sehe sie kritisch, wenn daraus ein neues Pflichtprogramm wird. Was ist mit der 80-Jährigen, die keinen Marathon laufen möchte? Mit dem 90-Jährigen, der nicht mehr auf dem Surfbrett stehen kann? Oder mit der Frau, die einfach gerne in ihrem Garten sitzt, Freundinnen trifft und ihr Leben genießt? Auch das ist ein gelungenes Alter.
Christina bringt es im Podcast wunderbar auf den Punkt: Es gibt nicht DEN einen alten Menschen. Das Alter ist die vielfältigste Lebensphase überhaupt. Wir werden im Laufe des Lebens nicht ähnlicher, sondern unterschiedlicher. Ich finde diese Aussage ziemlich befreiend. Wir müssen keinem neuen Ideal entsprechen. Wir dürfen unser eigenes Alter erfinden. Und genau deshalb ist es so wichtig, den eigenen Altersbildern auf die Schliche zu kommen und zu prüfen, ob sie uns genau dorthin führen.
Die Forschung zeigt ganz klare Zusammenhänge zwischen unseren Vorstellungen vom Älterwerden und unserer Gesundheit, unserem Verhalten und unserem sozialen Leben. Eine der aktuellen Studien, über die Christina berichtet, zeigt beispielsweise, dass unsere Erwartungen an unser späteres Sozialleben tatsächlich beeinflussen können, wie aktiv wir später sozial sind. Es ist nicht umgekehrt! Das hat mich besonders nachdenklich gemacht: Denn demnach beginnt Einsamkeit nicht erst dann, wenn wir allein sind. Sondern schon viel früher, in unserer Vorstellung davon, wie unser Leben einmal sein wird. Und das ist nur ein Beispiel von vielen.
WIE KOMMEN WIR ZU UNSEREM BESTMÖGLICHEN ALTERSBILD?
Nachdem wir die starken Einflüsse von Altersbildern kennen, stellt sich natürlich die nächste Frage: Wie sehen denn meine aktuellen Altersbilder aus? Eine berechtigte Frage, denn die meisten davon haben wir im Laufe des Lebens einfach übernommen, unbewusst, ohne sie je zu reflektieren. Aber es gibt Möglichkeiten sie zu überprüfen und wenn sie einem nicht gefallen, kann man neue Bilder entwickeln. Nicht, um dem Alter davonzulaufen. Sondern um es bestmöglich zu gestalten.
Christina meint, es geht insbesondere darum überhaupt über die Macht der Bilder zu wissen und die persönlichen Spielräume zu sehen. Ja, der Körper verändert sich. Ja, möglicherweise kommen Einschränkungen oder Krankheiten. Aber dazwischen liegt eine riesige Vielfalt an Möglichkeiten.
Ich empfehle gerne zwei Übungen - Werde zum Detektiv deiner Glaubenssätze. Hör dir selbst und anderen sehr bewusst zu: Wenn dir einer dieser Altersstereotypen unterkommt wie „Das kann ich in meinem Alter nicht mehr.“ “Ab 70 geht es körperlich bergab.“ „Im Alter wird man einsam.“ Sag dir bewusst ein Stopp und stell dir die Frage: Ist das wirklich zu 100 Prozent wahr? Oder ist es einfach ein Satz, den du irgendwann gelernt hast? Wie könnte es für dich heißen?
Über die zweite Übung haben wir im Inneren Drehbuch schon gesprochen: Setz einen Anker in der Zukunft. Frag dich nicht nur: „Was kann ich in meinem Alter noch schaffen?“, sondern: „Wie möchte ich mein (hohes) Alter erleben?“ Wo bist du? Wer ist bei dir? Was machst du? Wie fühlst du dich? Dieses Bild ist mehr als eine nette Vision. Es ist der Anker, der dich leitet, wenn heute einmal etwas nicht so gut läuft, denn das kann dann ja wohl nur ein Hoppala auf dem Weg sein.
🎧 Hör dir den Podcast an
Dabei sprechen wir nicht nur über Forschung, sondern auch ganz persönlich darüber, wie uns die Beschäftigung mit Altersbilder weitergeholfen hat.
👉 Hier geht es zum Podcast:
Herzlichst
Helga
Persönliche Erwartungen ans Älterwerden formen unser Sozialleben
Ristl, Christina et.at.:
Studie über 10 Jahre zeigt, Erwartungen ans eigene Altern sind eine "selbsterfüllende Prophezeiung"
Pressemeldung der Universität Wien 17.08.2026
Die 7 Mythen des Alterns
Buch von Jana Nikitin und Christina Ristl
Verlag hogrefe 2026
FÜR ALLE, DIE ZEITPOLSTER NOCH NICHT KENNEN:
Zeitpolster ist ein Sozialunternehmen, das Betreuungsleistungen für ältere Menschen, Kranke oder auch für Familien mit Kindern vermittelt. Es geht um Gesellschaft leisten, Freizeitbegleitung, einkaufen gehen, Hilfe in Haus und Garten u.v.a. Das Besondere an dem Konzept ist aber, dass die Helfenden, die sich für andere Menschen einsetzen, ihre Stunden für später gutgeschrieben bekommen, wenn sie selber Hilfe brauchen. Ich finde diese Idee höchst spannend, denn Netzwerke sind so ein wichtiger Bestandteil, wenn wir älter werden.
