Seniorenstudium

Active Aging & die Freude zu studieren

Manchmal bringen Algorithmen wirklich die richtigen Infos zur richtigen Zeit, denn im letzten Sommer wurde mir auf Facebook das Modul Active Aging  im Rahmen des Studiums Generale an der Universität Wien eingespielt.

Nach 7 Jahren, in denen ich mich intensiv mit dem Älter-Werden auseinandergesetzt habe, wollte ich mein Wissen durch aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse aus erster Hand ergänzen. Denn ich schreibe gerade an einem Buch, das all meine Blogposts zusammenfasst und noch vieles mehr enthält – diese Ausbildung kam also wie gerufen. Und das wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen.

Nach 53 Jahren (!!!) beginne ich also wieder als Studentin! Ich habe inskribiert und stelle überrascht fest: ich habe die selbe Matrikelnummer wie 1973, als ich begonnen habe Biotechnologie zu studieren 😄! Ich sitze wieder in einer Vorlesung, halte mit Kolleginnen ein Referat über eine wissenschaftliche Studie, absolviere Prüfungen. Es ist Universitäts-Betrieb und umfängt mich mit einem eigenen Flair! Es ist anders, als die vielen Weiterbildungen, die ich in den letzten 4 Jahrzehnten absolviert habe. Ich lerne neue Kollegen und Kolleginnen kennen, die ebenfalls mit Begeisterung dabei sind und es entstehen neue Freundschaften. Rundum, Active Aging war nicht nur Wissensvermittlung, sondern genau das, was der Titel dieses Blogs verspricht.

Ich möchte euch daher ein bisschen tiefer in das Thema mitnehmen. Was bedeutet Active Aging überhaupt? Was habe ich im Modul gelernt? Und welche Aha-Erlebnisse hatte ich persönlich? Am Ende erzähle ich euch noch kurz, was es mit dem Studium Generale auf sich hat.

Take away

  • Auch die Wissenschaft bestätigt: Das Alter ist der diverseste Lebensabschnitt und wir können allein durch Lebensstil und Einstellung viele positive Weichen stellen.

  • Ein gut investiertes, spannendes Semester - super Vortragende und eine Klasse interessierter Senioren und Seniorinnen, die alle gemeinsam Freude an der intellektuellen Herausforderung haben.

  • Weiterbildung in der Pension ist inspirierend!

 

Active Aging Vorlesung am Postgraduate Center der Universität Wien - © Helga Pražak

 

Was bedeutet Active Aging?

Bereits 2002 hat die WHO für die zweite UN-Weltkonferenz über das Altern ein Konzept vorgestellt: Active Aging – A Policy Framework. Dieses Konzept wurde seither zu einer wichtigen Grundlage für nationale Strategien vieler Länder, um auf den demographischen Wandel zu reagieren. In Europa gewann das Thema besonders rund um das “Europäische Jahr für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen” 2012 an Bedeutung. Auch in Österreich wurde aktives Altern als politisches Ziel verankert, etwa im „Bundesplan für Seniorinnen und Senioren: Alter und Zukunft“. Ziel ist es, Lebensqualität im Alter zu sichern und ältere Menschen zu einem aktiven Leben zu befähigen.

Aber ganz ehrlich, als ich vor einigen Jahren in Pension gegangen bin, habe ich davon noch nie gehört. Damals hieß es einfach: „Wir wünschen Ihnen einen wohlverdienten Ruhestand“, was suggerierte, dass Alter keine aktive Zeit ist! Dass sich im Gesundheits- und Pflegesystem viel tun muss, habe ich durch die vielen öffentlichen Diskussion wahrgenommen und hat mich nicht sonderlich angesprochen - aber all die anderen Bereiche des aktiven Alterns sind bei mir damals nicht angekommen. Wenn es Allgemeinwissen wäre, hätte ich wohl auch gar nicht mit meinem Projekt „Strahlend-Alt-Werden“ begonnen.

Der Begriff „aktiv“ bedeutet übrigens viel mehr als körperliche Bewegung oder weiterhin am Arbeitsleben teilzunehmen (“Bist du noch aktiv?”). Es geht um Teilhabe, nämlich sozial, kulturell, wirtschaftlich, spirituell und gesellschaftlich. Auch Menschen, die krank, eingeschränkt und/oder bereits aus dem Berufsleben ausgeschieden sind, können und sollen weiterhin einen wertvollen Beitrag leisten – für Familie, Gemeinschaft und Gesellschaft. Aktives Altern zielt darauf ab, die gesunde Lebenserwartung und Lebensqualität aller Menschen im Alter zu verlängern.

Active Aging verbindet dabei drei zentrale Säulen: Gesundheit, Würde bzw. Unabhängigkeit und gesellschaftliche Teilhabe und stellt sie gleichwertig (!) nebeneinander. Denn wenn Altern eine positive Erfahrung sein soll, braucht ein längeres Leben auch langfristige Möglichkeiten für genau diese drei Bereiche.

Die wichtigsten Ziele von Active Aging sind:

  • Krankheiten und Gebrechlichkeit möglichst vorzubeugen

  • Lebensqualität im Alter zu verbessern

  • Selbstständigkeit und Autonomie so lange wie möglich zu erhalten

Mein Modul „Active Aging“ – Ja, das kann man wirklich studieren!

Einige Freundinnen und Freunde haben mich ungläubig gefragt: „Was? Das kann man studieren?“ Ja – tatsächlich, kann man, gibt es aber nicht an vielen Orten. Unser Modul war genauso interdisziplinär wie das Thema selbst. Die Vorlesungen spannten einen beeindruckenden Bogen:

  • Grundlagen und Konzepte des Active Aging

  • Ernährung im Alter

  • Bewegung, Fitness, Gangsicherheit und Sturzprävention

  • Psychologie des Alterns, die Auswirkungen von Altersbildern und mentale Gesundheit

  • Salutogenese – welche Ressourcen braucht man, um gesund zu bleiben

  • Onkologie & Alter – Krebs: ein modifizierbares Risiko durch den Einfluss von Lebensstil, Gebrechlichkeit, Immunseneszenz und Mikrobiom.

  • Rechtliche und ethische Fragen zum selbstbestimmten Lebensende

Wir lernten auch die Active Aging Forschungsplattform kennen – eine interdisziplinäre Initiative der Fakultät für Lebenswissenschaften und des Zentrums für Sportwissenschaft, die es bereits seit 10 Jahren gibt.

Besonders interessant war für mich auch, dass sich der Schwerpunkt immer stärker von einer anfangs eher medizinischen Sichtweise und den knallharten Tatsachen der physischen Veränderungen im Alter hin zu Selbstverantwortung und individuellen Gestaltungsmöglichkeiten verschoben hat, die im Grunde ausmachen, wie wir das Alter erleben.

Ein Highlight des Kurses waren die Referate über aktuelle wissenschaftliche Studien. Dabei wurde unser Blick für wissenschaftliches Arbeiten geschärft, mit viel Statistik – eine eigene Welt, sage ich euch! Beeindruckend, wie weit international die Forschung in diesem Bereich ist. Wir schauten auf Studien aus China, Taiwan, Finnland oder Südamerika: Weltweit arbeitet man daran, die gesunde Lebensspanne zu verlängern!

Spannend fand ich auch die Reflexionen am Ende des Moduls. Selbst in diesem sehr interessierten Teilnehmerkreis war nicht allen so vollkommen bewusst, wie viel man selbst beeinflussen kann. Ein Studienkollege und Arzt zeigte sich am Ende des Kurses beeindruckt über die große wissenschaftliche Datenlage zu den positiven Wirkungen von Tai.Chi und Meditation – und hat sich sofort für einen Tai-Chi-Kurs angemeldet.

Meine persönlichen Aha-Erlebnisse

All das bestätigt eine zentrale Erkenntnis, die ich über die Jahre auch gewonnen habe:

Das Alter ist wohl der Lebensabschnitt mit der größten Vielfalt -
unter anderem,
weil wir wirklich so vieles aktiv mitgestalten können.

In vielen Bereichen habe ich meine bisherigen Recherchen bestätigt gesehen, aber manches wurde auch vertieft und ergänzt.

Vor allem das Thema Bewegung hat für mich nochmals eine völlig neue Dimension bekommen. Ich wusste natürlich, dass Bewegung wichtig ist. Aber wie entscheidend sie wirklich ist - selbst um das Krebsrisiko zu senken, für Demenzprävention oder den generellen körperlichen Abbau zu vermindern - wurde mir nochmals klarer. Das heißt also, möglichst vielfältige körperliche Aktivität, wie Ausdauertraining, Krafttraining und Gleichgewichtstraining zu machen, denn sie alle gehören zur täglichen Routine, so selbstverständlich wie Zähneputzen oder Duschen – und nein, nicht als „Leistungssport“. Denn körperliche Aktivität ist nicht nur Sport. Ebenso entscheidend ist die Bewegung im Alltag. Dass etwa langes Sitzen nicht gesund ist, war mir klar, aber dass es als unabhängiger, eigenständiger Risikofaktor gesehen wird, der nicht durch Bewegung z.B. am Abend kompensiert werden kann, war mir neu. Also:

JEDE Aktivität zählt!
Und je weniger du bisher gemacht hast, desto größer ist der Nutzen für dich!.

Hier einige weitere Highlights, die ich aus dem Modul mitgenommen haben:

  • Die Kraft der Altersbilder (über die ich ja auch schon viel geschrieben habe) und welch große psychologischen, physiologischen (z.B. erhöhter Cortisolspiegel, schlechtere Merkfähigkeit, schlechtere Wundheilung) sowie verhaltensmäßigen Konsequenzen sie haben, wenn sie Teil unserer Identität geworden sind.

  • Wie alleine schon die persönliche Einstellung zum Alter die Lebenserwartung massiv beeinflusst.

  • Dass der Austausch von Lebensgeschichten (ähnlich Memoiren) einen nachweislich positiven Einfluss auf das Selbstwertgefühl und die sozialen Interaktionen im Alter bringt.

  • Dass vermeintlich akuten Beschwerden (z.B. Ischias, Hexenschuß etc.) oft eine chronische Fehlmotorik vorausgeht und man speziell diese Bewegungen korrigieren kann („Motor Skill Training“).

  • Dass man das Aufstehen nach einem Sturz bewusst üben soll!

  • Dass mein Gleichgewichtsgefühl extrem gut ist – einfach, weil Gleichgewichtsübungen seit 8 Jahren Teil meiner wöchentlichen Gymnastikstunde sind und das ist der beste Beweis: selbst kleine Übungseinheiten, aber regelmäßig gemacht, wirken sich einfach gut aus!

  • Dass Krafttraining allgemein ein ungeliebtes Thema ist, aber kein Weg daran vorbeiführt.

  • Auch das Thema Krebs hat für mich ein Stück seiner Bedrohlichkeit verloren, weil ich verstanden habe, dass auch dieses Risiko viel mehr in unserer Hand liegt als angenommen - speziell im Alter.

  • Und vieles mehr …..

Ich habe mich in vielen meiner bisherigen Beobachtungen bestätigt gefühlt: Die Vielfalt des Alters, die Bedeutung von Memoiren, der Einfluss von Haltung im Alltag (ja – sogar beim Zwiebelschneiden!), die Kraft von Humor und der Umgang mit Altersstereotypen.

Als Energetikerin hat mir auch der moderne medizinische Ansatz, der auch als „Medizin 3.0“ bezeichnet wird, gefallen. Dabei geht es darum, Gesundheit nicht mehr nur aus der Perspektive der Pathogenese, also der Krankheiten und Symptomen, zu betrachten, sondern den Menschen ganzheitlich zu sehen - mit seinem Körper, seiner psychischen Verfassung und seinem sozialen Umfeld. Diese drei Faktoren gemeinsam bilden heute die Grundlage eines zeitgemäßen medizinischen Verständnisses. Einen zentralen Bestandteil davon bildet die Salutogenese. Sie richtet den Blick gezielt auf die Frage, was Menschen gesund erhält - selbst unter Belastungen, Risiken und im Alterungsprozess. Damit stellt sie gewissermaßen das Gegenstück zum klassischen, krankheitsorientierten Modell dar, das sich vor allem mit der Entstehung von Krankheiten beschäftigt. Für mich klingt das nicht nur schlüssig, sondern auch richtig – und vor allem nach sehr guten Aussichten fürs Älterwerden.

An dieser Stelle möchte ich ein herzliches Dankeschön an Ass. Prof. Rhoia Neidenbach sagen, die dieses Modul mit spürbarer Begeisterung, großem Engagement und viel persönlicher Unterstützung für uns Studierende zu etwas Besonderem gemacht hat.

Zum Schluss: Was ist eigentlich das Studium Generale?

Das Studium Generale der Universität Wien ist im Grunde Allgemeinbildung auf höchstem Niveau und wurde speziell für die nachberufliche Lebensphase entwickelt. Denn Bildung hält fit!

Es handelt sich um ein offiziell anerkanntes Studium, in dem man einen Bachelor- und Masterabschluss erwerben kann. Das Besondere ist die enorme Vielfalt. Von Archäologie, Astronomie, Botanik oder Chemie bis hin zu Ethik, Politikwissenschaft, Theologie oder Zeitgeschichte - die Auswahl ist riesig. Pro Semester gibt es drei Module zur Auswahl und man kann eines besuchen oder mehrere.

Active Aging ist eines der jüngsten Module und wurde erst zum zweiten Mal angeboten.

Die Motive der Studierenden sind sehr unterschiedlich, wie ich in den Gesprächen mit meinen Kollegen erfahren habe. Manche holen ein früher abgebrochenes Studium nach, andere suchen intellektuelle Herausforderungen, spannende Begegnungen oder einfach Struktur im Pensionsleben.

Einige Kolleginnen haben mir berichtet, dass sie von ihren Freunden und ihrer Familie gefragt wurden: „Was bist du dann?“ „Was machst du dann damit?“ Für mich trifft keine dieser Fragen den Kern. Dieses Studium ist keine Berufsausbildung sondern eine lebensbereichernde Weiterbildung!

Ich habe vorerst nur das Modul Active Aging besucht. Aber nachdem ich wieder Studentenluft geschnuppert habe – wer weiß - vielleicht mache ich weiter.

Ich hoffe, ich konnte euch ein bisschen Lust auf aktive Gestaltung eures Älter-werdens und auch auf Weiterbildung machen. Wie wichtig Lernen gerade in dieser Lebensphase ist und welche Bereiche dabei besonders wertvoll sind, darüber schreibe ich bald in einem eigenen Beitrag.

Herzlichst
Helga