Der Selbstliebe mehr Raum geben

Sich selbst zu lieben kennt kein Alter! Doch jetzt im Alter zeigt sich mehr und mehr, ob und wie man Selbstliebe empfindet. Kann man mit den Veränderungen gelassen umgehen oder wird man mehr und mehr verbittert?

Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass es gar nicht notwendig ist Selbstliebe zu lernen, da sie sowieso unser innerster Kern ist. Wir müssen ihr nur mehr Raum geben, indem wir sukzessive all das wegräumen, was sie zudeckt. Dazu zählen insbesondere kritische und abwertende Selbstgespräche, Wenn-Dann-Prägungen und dauernde, wertende Vergleiche. Darum geht’s heute – wie immer: um strahlend alt zu werden!

Take away:

  • Selbstliebe müssen wir nicht lernen, sie ist in uns immer da

  • Es liegt an uns, ihr mehr und mehr Raum zu geben

  • Der innere Kritiker muss in die Schranken gewiesen werden, denn er überschreitet oft seine Grenzen

 

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SELBSTLIEBE IST MEHR ALS SICH VERWÖHNEN

Wie merkst du, dass du Selbstliebe empfindest? Woran erkennst du das? Wie fühlt sich für dich Selbstliebe an?

Oft höre ich, dass Selbstliebe gleichgesetzt wird mit „sich etwas Gutes tun“ oder gut zu sich selber zu sein (z.B. eine Massage oder ein Wellnesswochenende). Andere wieder meinen, dass es darum geht, sich der eigenen Stärken bewusst zu sein. Aber die Definition von Selbstliebe beinhaltet viel mehr: es geht um die Selbstannahme mit allen Stärken und Schwächen in Form uneingeschränkten Liebe. Und das kann eine Herausforderung sein!

Es ist schön, sich seiner Stärken bewusst zu sein (z.B. Wissen zu haben, das gebraucht wird; sportlich zu sein), wenn daneben allerdings der innere Kritiker uns abwertet (z.B. ich werde aber immer dicker, langsamer,...), dann ist die Selbstliebe nicht uneingeschränkt.

Nach meinen Erfahrungen aus den 20 Jahren, in denen ich mich mit Energetik befasst habe, ist Selbstliebe nicht etwas, was wir lernen oder was wir uns aneignen müssen. Selbstliebe, so wie ich es sehe, ist immer da! Sie ist vielmehr unsere innerste Kraft und das, was uns ausmacht.

Wir sind im Kern Selbstliebe!

DER SELBSTLIEBE RAUM GEBEN

Wie sehr wir sie spüren, uns darüber bewusst sind oder nicht, liegt an unseren verschiedenen Prägungen und Eigenschaften, mit denen sie überdeckt, verdrängt oder unterdrückt wurde. Die Einschränkungen stammen entweder aus der Kindheit, wurden epigenetisch von den Ahnen übernommen oder die Seele hat sie aus einem Vorleben mitgebracht. Manche nennen das Karma. Es sind negative Gedanken, Glaubenssätze und Emotionen über uns selbst und unseren Körper.

Den strahlenden Kern von Selbstliebe müssen wir nicht lernen, aber wir können ihm mehr Raum geben, indem wir nach und nach diese Einschränkungen auflösen.

Darin sehe ich auch eine wichtige Aufgabe im Alter, denn genau das macht den Unterschied zwischen einem liebenden oder einem verbitterten Senior oder einer Seniorin. Mit jedem noch so kleinen Schritt merkt man, wie sich die Selbstliebe ausdehnt und für innere Ruhe und Frieden sorgt.

WAS STEHT DER SELBSTLIEBE IM WEGE?

Nach Barbara Fredrickson (Professorin für positive Psychologie), sind es die Selbstherabsetzung und die Selbstverherrlichung, die der Selbstliebe im Wege stehen. [1]

Durch die Selbstherabsetzung glauben wir nicht, dass wir es wert sind, geliebt oder akzeptiert zu werden. Sie meint „auf einer unausgesprochenen Ebene tun wir unsere guten Eigenschaften als unwichtig ab und bleiben unseren Unzulänglichkeiten verhaftet. Vielleicht glauben wir, unsere Defizite erst ausmerzen zu müssen, bevor wir uns selbst vollkommen lieben und akzeptieren zu können: „wäre ich doch nur dünner, sportlicher, disziplinierter, organisierter, erfolgreicher...“, doch dabei bleibt es meistens. Wir warten ab, ohne wirklich etwas zu verändern und entziehen uns die Liebe, bis diese unausgesprochenen Bedingungen erfüllt sind. Aber das Warten endet nie und ebenso wenig fließt die Selbstliebe.“

Unter all den Abwertungen spielen Schuld und Scham die größte Rolle. Schuld ist ein Gefühl, das seit Jahrhunderten, besonders im religiösen Kontext, in unserer Gesellschaft eine wichtige Rolle spielt und wir alle von klein auf mitbekommen haben. Das Gefühl von Schuld hält einen in Bann und verhindert jegliche persönliche Weiterentwicklung. Damit kann das jeweilige Ereignis nicht aufgelöst werden und Selbstliebe kann nicht fließen. Scham ist in gewisser Weise noch perfider, weil sie die persönliche Würde und den Selbstwert untergräbt und generell als die Emotion mit der geringsten Energie gilt. Es ist daher schwer, aus eigener Kraft der Scham zu entkommen. Ich habe den Eindruck, dass speziell Scham im höheren Alter eine zunehmende Rolle spielt, wenn der Körper nicht mehr der Würde entspricht, die wir als Kind gelernt und so intensiv damit verbunden haben. Mit dieser Scham wird die Selbstliebe zugedeckt.

Ebenfalls abwertend sind „Wenn-dann“-Bedingungen. Als wir klein waren, war es noch üblich zu hören „Wenn du brav bist, dann hat dich die Mama/der Papa/die Oma ...  lieb!“ oder so ähnlich. Dieses schreckliche „Wenn–dann!“ Es steckt in so vielen von uns noch tief drinnen! Aber es ist schlicht und einfach falsch und erniedrigend! Wirkliche Liebe kennt keine Bedingungen! Auch die Selbstliebe nicht!

Interessanter Weise steht auch die Selbstverherrlichung der Selbstliebe im Wege, obwohl sie vorgibt, genau diese zu sein. Eine überhöhte Sichtweise von sich selbst oder eine besonders hohe Selbsteinschätzung muss sich permanent durch positives Feedback bestätigen und ist daher alles andere als Liebe.

Selbstliebe kennt keine wertenden Vergleiche und erzeugt dadurch innere Ruhe. Also tun wir etwas für die Selbstliebe!

In meinen Posts Let´s Celebrate und „feiere deinen Körper“ findet ihr schon einige Anregungen, wie und warum wir gerade im Alter unseren Geburtstag und unseren Körper feiern sollten. Jetzt zeige ich euch noch drei weitere Möglichkeiten, wie man der Selbstliebe zu mehr Raum verhelfen kann.

ICH BIN GUT!

Wir Senioren haben das alles hinter uns: bei Prüfungen bestehen müssen, sich im Job beweisen müssen, schneller, besser, kompetenter sein, sich gut darstellen, um einen speziellen Job zu bekommen, eine gute Mutter/Vater sein ... etc. Irgendwie waren diese Anforderungen und Vergleiche zumindest seit der Schule und dann im Job in gewisser Weise immer anwesend.

Jetzt, in der Pension, fallen viele dieser Bestätigungsmuster weg. Wir müssen und brauchen uns, Gott sei Dank, nichts mehr beweisen! Im Grunde gibt es nur mehr eine Instanz, die zufrieden sein muss, ICH! (mein inneres Kernteam), und zwar ohne irgendeinem Vergleich mit anderen standhalten zu müssen!

Mit der Aussage „Ich bin gut“ geht es keineswegs um die oben zitierte Selbstverherrlichung, sondern nur darum, mir bewusst zu sein, dass ich mit mir, meinen Aktivitäten, meinen Gedanken und meiner Leistung, vor allem aber mit meinem Sein in meinem tiefsten Inneren glücklich bin.

Gestern hatte ich so einen Moment. In einem Gespräch mit meiner Schwester haben wir uns aus heiterem Himmel gegenseitig erzählt, worauf wir gerade stolz sind. Es ging überhaupt nicht darum, den anderen zu Begeisterungskommentaren zu bewegen sondern einfach einmal laut auszusprechen, dass ich auf etwas stolz bin, das ich jetzt mache. Ich mach das gut! Ich bin gut!  Und die andere hörte ohne Kommentar voll Freude und Mitgefühl zu. Das war cool! Probiert das einmal aus!

VETO GEGEN DEN INNEREN KRITIKER

Leider ist da oft noch die andere Stimme in mir, die viel weniger freundlich ist. Vor kurzem war ich beim Ausfüllen eines Online-Formulars wieder einmal richtig wütend auf die Technik und auf mich! Es war alles stressig und hektisch und nichts hat funktioniert, schließlich habe ich auch noch Zahlendreher eingebaut. Sofort meldete sich in meinem Kopf der ungebetene, innere Kritiker: „Ich hasse diese Online-Formulare! Gott, bis du dumm! Bei dem ganzen elektronischen Kram kommst du nicht mehr mit! Kannst du nicht besser aufpassen? Immer wieder passiert dir das!“ Ihr könnt euch vorstellen, das hilft kein bisschen in so einer Situation.

Ich habe den Eindruck, dass der innere Kritiker auch keinen Respekt vor dem Alter hat! Ganz im Gegenteil, er wird lauter und frecher. Als ich einmal den Faden nicht sofort in das Nadelöhr brachte, meinte er herablassend „Du bist immer so patschert! [2] Und jetzt sind deine Arme nicht einmal mehr lang genug für deine Augen!“  Oder, vor Kurzem habe ich einen eleganten, gepflegten Herrn in einem Selbstgespräch zu sich sagen gehört „Ich bin so ein alter Trottel!“

Wir kennen so viele Möglichkeiten um uns innerlich zu kritisieren, manchmal auch zu beschimpfen und runterzumachen und uns selbst weh zu tun. Nie würden wir so verletzend zu anderen sein, schon gar nicht, wenn wir sie lieben. Ich bin mir sicher, diese Form von Selbstkritik und Selbstabwertung ist nur deshalb so einfach, weil niemand zurückredet oder dagegen argumentiert. Daher sind wir verleitet, manchmal sogar noch nachzulegen!

Manchmal ist es gut, den Ärger auszusprechen und damit die überschüssige Energie loszulassen, aber wenn es die innere Würde angreift, halt dich zurück! Lass das nicht unkommentiert stehen! Widersprich dir! Argumentiere dagegen! Dazu kannst du die Position deines Inneren Coaches, einnehmen. Du brauchst dir nur die eine Frage zu stellen: „Kann ich zu 100% und unter allen Umständen sicher sein, dass das so wahr ist?“  Die Antwort ist praktisch immer nein! Vielleicht bin ich in dieser einen Situation „patschert“, ja, aber das gibt mir nicht das Recht, so ein allgemeines, abwertendes Statement mit „Ich bin“ abzugeben. Denn erstens gibt es unzählige  Situationen, in denen ich es nicht bin und zweitens richten sich „Ich bin“-Sätze immer an die ganze Persönlichkeit und gehen daher sehr tief. D.h. abwertende „Ich bin“-Sätze verletzen die eigene Würde. Also sprich diese eine Situation konkret an und nicht deine „Ich bin“-Identität! Statt: „Ich bin immer so patschert“ einfach „In dieser Situation war ich patschert!“

Leg die Strenge in deinen Selbstgesprächen ab, wobei es nicht darum geht, alles positiv zu sehen und schön zu reden. Es geht um einen mitfühlenden, aufrichtigen inneren Dialog wann immer du Gefahr läufst, dich selbst abzuwerten, also wenn der innere Kritiker laut wird.

Akzeptiere was gerade schiefgelaufen ist und switche sofort zu einem bedingungslosen JA! zu dir selbst. Genau das ist auch die Einstiegspraxis beim Tapping. Der Einstiegssatz lautet: Auch wenn ...(zitiere das Problem)... liebe und akzeptiere ich mich voll und ganz! Denn genau wie bei einem Kind mache ich die Liebe nicht davon abhängig, ob es brav seine Aufgaben macht oder nicht. Selbstliebe heißt Akzeptanz, und zwar bedingungslos!

SO TRAINIERST DU MITGEFÜHL

Wenn du deiner inneren Stimme mehr Mitgefühl verleihen willst, dann empfehle ich dir die sogenannte META Meditation (Liebende-Güte-Meditation) [3].

Entspanne dich durch meditative Atemtechniken, denke dann an eine deiner guten Eigenschaften und an ein erfreuliches Ereignis, das dazu passt. Das erste, was dir einfällt ist richtig. Dann sprich innerlich die folgenden Sätze langsam aus und mach nach jedem Satz eine Pause, um dieses Statement richtig zu verinnerlichen.

  • Möge ich mich sicher und beschützt fühlen.

  • Möge ich mich glücklich und voll Frieden fühlen.

  • Möge ich mich gesund und stark fühlen.

  • Möge ich Leichtigkeit empfinden und mich wohlfühlen.

Du kannst diese Sätze natürlich so variieren, dass sie genau zu dir passen!

Die Studien von Barbara Fredrickson haben gezeigt, „dass eine mitfühlende Liebe für sich selbst sowohl für die Gesundheit als auch für das Glück wichtiger ist, als das hochgelobte Selbstwertgefühl!“

SELBSTLIEBE BRAUCHT ZEIT UND GEDULD

Vermutlich das Schwierigste ist es, mit sich selbst Geduld zu haben! Selbstliebe ist nicht etwas, was man „mal so schnell“ lernen kann. Wir entwickeln sie ein Leben lang.

 

Selbstliebe wächst mit
Geduld, Nachsicht, Freundlichkeit, Vergebung
und einem inneren Lächeln,

 

Diese Gedanken wollte ich mit Euch teilen.

Herzlichst
Helga

[1] Barbara Fredrickson: Die Macht der Liebe. Ein neuer Blick auf das größte Gefühl, campus 2013

[2] Österreichisch für ungeschickt.

[3] Volle Anleitung z.B. im Buch „Die Macht der Liebe“